1962–2012

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Zurück in der alten Welt

Ein Restaurierungsbericht von Peter Stöhr

Die erstaunlichsten Möglichkeiten bieten sich einem ja häufig gerade dann, wenn man nicht auf der Suche ist.

Anfang 1998 fand ich bei einem Alt-Opel-Teilehändler in Rüsselsheim folgendes Angebot: „Kadett A zu verkaufen, seltenes Exportmodell, aus Californien“. „Neunundneunzig Prozent rostfrei“ sollte der Wagen sein, ein Foto schien das zu bestätigen. Obwohl ich bereits einen Kadett A und einen Kadett D-Caravan besaß und damit sehr zufrieden war, ließ mir dieser Aushang keine Ruhe.

Eine Besichtigung in den folgenden Tagen brachte Klarheit und „zwang“ mich als eingefleischten Kadett-Fan praktisch zum Kauf. Der angebotene Wagen war tatsächlich einer von mehreren tausend in den Jahren 1962-65 in die USA exportierten Kadett A. Die Fahrzeuge wurden dort als Opel-Buick-Kadett verkauft. Mein Auto wurde Ende 1963 in Bochum gebaut, die Erstzulassung in Kalifornien erfolgte Anfang 1964. Die genaue Anzahl der Besitzer ließ sich nicht mehr bestimmen. Sicher ist jedoch, dass die kleine Limousine bis 1995 von einem älteren Herrn auf der malerischen, sonst autofreien Insel „Santa Catalina Island“ vor Los Angeles gefahren wurde.

Danach gelangte das Fahrzeug zu einem Händler, der auf den Handel mit Opel GTs spezialisiert ist. Durch einen Zufall und dankenswerte Unterstützung eines Alt-Opel-Freunds liegt mir inzwischen sogar ein Videofilm vor, in dem der Kadett 1995 von dem amerikanischen Verkäufer in höchsten Tönen angepriesen wurde.

Der kleine Opel wurde dort von einem Deutschen gekauft und kam nach der langen Überführung von Kalifornien zur amerikanischen Ostküste und von dort in einem Seefracht-Container über Bremerhafen wieder in sein Entstehungsland. Das war im Frühjahr 1997. Nach einem nochmaligen Eigentümerwechsel in Deutschland stand der Kadett monatelang im Freien. Durch ein defektes Fenster lief Wasser in den Innenraum und der Gesamtzustand war inzwischen weit entfernt von einem „California Dream Car“.

Nach meiner Besichtigung konnten wir uns auf einen fairen Preis einigen und damit hatte ich meinen zweiten Kadett A.

Eine erste Untersuchung zeigte, dass neben einigen wenigen Durchrostungen vor allem der Zustand der Mechanik sehr schlecht war. Motor, Kupplung und gesamte Bremsanlage waren völlig verschlissen. Wie für ein Auto aus dem Sonnenland Kalifornien typisch, hatte die Innenausstattung sehr gelitten und sämtliche Gummiteile ließen sich nicht mehr gebrauchen. Immerhin waren Lack und Ausstattung original und nicht verbastelt.

Aufgrund der Besonderheit dieses Kadetts entschied ich mich für eine Vollrestauration.

Karosserie

Nach der Zerlegung habe ich zunächst den gesamten Unterboden einschließlich der Radhäuser freigekratzt und -geschliffen. Dabei wurden die original angeschweißten vorderen Kotflügel nicht abgenommen, um das unberührte, sehr gute Karosserie-Spaltbild des Wagens nicht zu zerstören. Dass damit die Arbeit in den vorderen Radhäusern nicht leichter wurde, kann jeder nachvollziehen, der es einmal gemacht hat. Ein Karosseriebauer schweißte und verzinnte die wenigen kleinen Durchrostungen. Damit konnte der Unterboden grundiert und lackiert werden.

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Sehr viel Aufwand erforderten die zahllosen Beulen, die der kleine Opel im Lauf der Jahrzehnte erlitten hatte. Es ist vor allem der mühevollen und fachmännischen Arbeit meines Lackierers zuzuschreiben, dass mit Ausnahme der Motorhaube alle Blechteile original am Fahrzeug bleiben konnten.

Da der Originallack eine brüchige Struktur aufwies, entschieden wir uns für das völlige Blankschleifen der Außenhaut. Darauf wurde dann die Lackierung im Originalton Savannegelb 413 schrittweise aufgebaut.

Auch zahlreiche in Wagenfarbe gehaltene Kleinteile bedurften großer Mühe und Ausdauer beim Ablaugen, Strahlen und Lackieren.

Technik

Die Zerlegung des Motors brachte eine starke Verschlammung der Ölwanne und aller Teile des Ölkreislaufs zum Vorschein. Zwei Zylinder wiesen so starke Laufspuren auf, dass selbst das Aufbohren auf das zweite noch zulässige Übermaß kein einwandfreies Ergebnis mehr erbracht hätte. Mehrere Kolbenringe waren gebrochen, Haupt- und Pleuellager ausgelaufen. Bei entsprechender Behandlung kann man eben auch einen grundsätzlich sehr guten und haltbaren Kadett-Motor zerstören!

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Aufgrund der Schäden entschloss ich mich zur Aufarbeitung eines anderen Motors für den California-Kadett. Dieser stammt aus einem Schlachtwagen des gleichen Baumonats, weist also eine sehr ähnliche Seriennummer auf. Trotz ihrer guten Substanz wurde auch diese „Einliter-Kraftquelle“ einer grundlegenden Überarbeitung unterzogen. Dazu zählten das Honen der Zylinder, Erneuern von Kolbenringen, Lagern und Dichtungen und das Planschleifen der Auflageflächen. Den Zylinderkopf habe ich mit neuen Ventilen bestückt, die zur Verbesserung des Abgasverhaltens nun Ventilschaftdichtungen erhielten. Die Kurbelgehäuse-Entlüftung war für den USA-Export ohnehin bereits fortschrittlicher als bei den Europa-Modellen ausgeführt. Außerdem ist hier der original Luftfilter zu öffnen und enthält ein Ölbad als zusätzlichen Luftreiniger. Vergaser und Anbauteile konnte ich mit Hilfe von Gebraucht- und Neuteilen instandsetzen. Motor und Anbauteile erhielten nach dem Strahlen wieder ihre original schwarze Lackierung, die Oberflächen vieler Kleinteile wurden verzinkt oder poliert.

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Auch im Getriebe habe ich die Verschleißteile wie Lager, Synchronringe und Abdichtungen erneuert. Die beim Kadett A etwas anfälligen Lager des Nebenwellen-Zahnradblocks zeigten sich auch hier leicht angegriffen. Die Zahnradgruppe und die zugehörige Welle sind noch zu beschaffen und konnten erneuert werden.

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Die recht lange und mit nur einem Kreuzgelenk ausgestattete Kardanwelle des alten Bochumers ist schwingungsanfällig. Ich habe sie daher gestrahlt, mit einem neuen Gelenk versehen und feinwuchten lassen. Auch sämtliche Gummilager im Bereich des Antriebsstrangs konnte ich noch neu bekommen.

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Die Hinterachse hatte den Beanspruchungen des anderen Kontinents gut standgehalten. Ihre Hauptbestandteile wurden aufgearbeitet, die Lager und Dichtungen erneuert.

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Die Überholung von Vorderachse und Lenkung erforderte mehr Aufwand, als ich zunächst gedacht hatte. Die Erneuerung aller Gummibuchsen und Lager erforderte nicht nur viel Ausdauer, sie war auch mit unerwartet hohen Kosten verbunden.

Dagegen machte es richtig Spaß, die einfache, aber effektive Bremsanlage wieder in einen neuwertigen Zustand zu versetzen. Die nötigen Ersatzteile sind mit etwas Suchen noch zu finden.

Allgemein ist die Technik dieses Autos überschaubar und weist an vielen Stellen pfiffige Lösungen auf – darin liegt einer der großen Vorteile des ersten Kadett.

Ausstattung

Die auffälligsten Merkmale der Amerika-Version sind sicher ihre Leuchten. Die Frontscheinwerfer sorgen als sog. „Sealed Beam“-Lampen für eine andere Lichtverteilung als bei der europäischen Ausführung. Birne, Reflektor und Glas bilden hier eine Einheit, die nur zusammen ausgetauscht werden kann! Die Zierringe um die Scheinwerfer sind ebenfalls verschieden von der bekannten Art.

Die vorderen Standleuchten sind hinter weißen Gläsern in den Gehäusen untergebracht, wo wir bei einem Euro-Kadett die Blinker vorfinden. Für die Blinkleuchten erhielt das USA-Modell daher die markanten eigenen Gehäuse auf dem vorderen unteren Luftleitblech.

Die Lichtscheiben der Rückleuchten-Einheiten sind komplett rot ausgeführt und mit einem aufgesetzten verchromten Metallrahmen verziert. Das Kennzeichen wird hier nicht von der Stoßstange aus, sondern durch zwei seitliche Sockelleuchten angestrahlt.

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Die „Hörnchen“ auf den Stoßstangen sitzen vorne enger zusammen, hinten gleich wie bei einem europäischen Kadett.

An meinem California-Wagen waren alle speziellen Ausstattungsdetails noch original vorhanden. Dort, wo ich neuen Ersatz benötigte, konnte ich ihn auf den üblichen Teilemärkten oder bei den einschlägigen Händlern beschaffen. Es gibt hierzulande einige Teile, aber scheinbar keine weiteren Autos in dieser Exportausführung. Unserer Typgruppe Kadett A ist jedenfalls kein weiterer „USA-Heimkehrer“ bekannt.

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Nachdem in monatelanger Arbeit auch der Innenraum instandgesetzt war, konnte ich zum ersten mal in meinem „Mini-Buick“ zur Ausfahrt Platz nehmen. Wie man sich darin wohl zwischen den US-Straßenkreuzern der sechziger Jahre gefühlt hat? Ein alter Highway-Aufkleber an der Original-Windschutzscheibe zeugt jedenfalls noch von dieser Zeit, ebenso wie seine originalen Kennzeichen von 1964.

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Und in den noch hin und wieder auftauchenden amerikanischen Verkaufsprospekten wurde der kleine Opel als feines Beispiel intelligenten europäischen Ingenieurkönnens dargestellt.

Mein Dank gilt meinen Helfern bei der Restauration. Es gab immer wieder Probleme, die nur mit ihrer Hilfe lösbar waren.

Wird der Export-Kadett nun bei Oldtimertreffen zu sehen sein? Ja natürlich, wenn das Wetter und die sonstigen Umstände einem California Car gerecht werden...

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Inzwischen bin ich schon über 1.000 km mit dem Wagen gefahren und die Freude wächst mit jedem Kilometer!

Literatur

Schauen, Till (2004): Der sanfte Blitz. Der Traum von der Perfektion: Opel Kadett A. – In: Oldtimer Praxis (November 2004): S. 6–11.